Elbtower Hamburg: Vom Signa-Prestigeprojekt zur Bauruine – und der 595-Millionen-Museumsdeal
Elbtower Hamburg im Faktencheck: Baustopp seit 2023, neues Investorenkonsortium, 595-Millionen-Museumsdeal mit der Stadt und aktueller Planungsstand.

Der Elbtower Hamburg sollte das höchste Hochhaus der Hansestadt werden: 245 Meter, entworfen von David Chipperfield Architects, entwickelt von René Benkos Signa Prime Selection und politisch getragen vom damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz. Seit Oktober 2023 steht der Rohbau bei rund 100 Metern still – zunächst wegen unbezahlter Rechnungen, später wegen der Signa-Insolvenz und der Schäden an den Bahnanlagen. Nun soll ein Konsortium um den Hamburger Entwickler Dieter Becken den Turm verkleinert fertigbauen; die Stadt will mit 595 Millionen Euro für das geplante Naturkundemuseum einsteigen. Dieser Beitrag ordnet Zahlen, Akteure und offene Risiken ein (Stand: Juli 2026, mit datiertem Nachtrag).
Das Wichtigste in Kürze
- Seit Oktober 2023 Baustopp; der Rohbau steht bei rund 100 Metern.
- Ein Konsortium um Dieter Becken mit Signal Iduna, Klaus-Michael Kühne, Dirk Roßmann und Adolf Lupp will den Turm übernehmen; das Bundeskartellamt gab das Gemeinschaftsunternehmen Anfang 2026 frei.
- Die Stadt Hamburg will die Museumsflächen für 595 Millionen Euro zum Festpreis kaufen (Senatsbeschluss vom 15.10.2025).
- Die Höhe sinkt von 245 auf 199 Meter, die Nutzfläche von rund 120.000 auf rund 100.000 Quadratmeter.
- Ein positiver Bauvorbescheid liegt seit Anfang März 2026 vor, die Fertigstellung ist für Ende 2029 geplant – ein Baustart steht aber weiter aus.
Die wichtigsten Kennzahlen des Projekts im Überblick:
| Kennzahl | Wert (Stand/Quelle) |
|---|---|
| Standort | Östlicher Abschluss der HafenCity an den Elbbrücken (Doppelstation U4/S-Bahn) |
| Ursprünglicher Entwickler | Signa Prime Selection (René Benko) |
| Aktuelles Konsortium | Dieter Becken (Federführung), Signal Iduna, Klaus-Michael Kühne (gest. 24.08.2026), Dirk Roßmann, Adolf Lupp; Kartellamt-Freigabe Anfang 2026 |
| Grundstückskauf | 122 Mio. Euro (2019) |
| Höhe | ursprünglich 245 m, aktuell geplant 199 m |
| Nutzfläche | ursprünglich ca. 120.000 m², aktuell ca. 100.000 m² |
| Baukosten | 700 Mio. Euro (Planung 2017), zuletzt 950 Mio. Euro (Stand 2022) |
| Kaufpreis Museumsflächen | 595 Mio. Euro Festpreis (Senatsbeschluss 15.10.2025) |
| Rohbaustand | ca. 100 m |
| Zielfertigstellung | Ende 2029 |
| Nutzungsmix | Naturkundemuseum „Evolutioneum“ im Sockel (Leibniz-Institut LIB), Büros, Hilton Hamburg Elbtower (195 Zimmer), Aussichtsplattform |
Alle Angaben beziehen sich auf den Recherchestand Juli 2026; einzelne Werte können sich durch die laufenden Verhandlungen noch ändern.
Vom Scholz-Benko-Prestigeprojekt zur Bauruine – die Geschichte des Elbtowers
Die Geschichte des Elbtowers beginnt 2017: Auf der Immobilienmesse MIPIM in Cannes stellte der damalige Erste Bürgermeister Olaf Scholz das Projekt der Signa Prime Selection erstmals der Fachwelt vor und machte es zu einem Leuchtturmprojekt der Stadt. Am 27. März 2019 beschloss die Hamburgische Bürgerschaft den Verkauf des Grundstücks am östlichen Ende der HafenCity für 122 Millionen Euro an die Signa. Die Baukosten wurden 2017 mit rund 700 Millionen Euro veranschlagt; seit 2022 ist von etwa 950 Millionen Euro die Rede. Mit 245 Metern und 64 Etagen wäre der Elbtower das höchste konventionelle Gebäude Hamburgs geworden. Im Oktober 2023 stoppten die Arbeiten bei rund 100 Metern.
Der Baustopp 2023 und die Signa-Insolvenz
Im Oktober 2023 stellte das Bauunternehmen Adolf Lupp die Arbeiten am Elbtower ein. Lupp-Geschäftsführer Matthias Kaufmann bestätigte damals, die Signa Prime Selection habe Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlt; nach übereinstimmenden Medienberichten ging es um rund 37 Millionen Euro. Wenige Wochen später meldete die Signa Prime Selection AG Insolvenz an, 2024 folgte die Hamburger Projektgesellschaft Elbtower Immobilien GmbH & Co. KG. Zum Insolvenzverwalter wurde Torsten Martini bestellt, der seitdem eine Fortführungslösung für den Rohbau sucht. Gegen René Benko laufen in Österreich mehrere Verfahren im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch seines Konzerns.
Wer steht jetzt hinter dem Elbtower? Das neue Investorenkonsortium
Seit Ende 2024 verhandelt der Hamburger Projektentwickler Dieter Becken mit Insolvenzverwalter Martini über den Kauf des halbfertigen Hochhauses. Hinter Becken steht ein Konsortium: der Versicherer Signal Iduna, Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, Drogerieunternehmer Dirk Roßmann und das Bauunternehmen Adolf Lupp. Das Bundeskartellamt gab das Gemeinschaftsunternehmen Anfang 2026 frei. Signal Iduna war bereits als Finanzier des ursprünglichen Projekts involviert und macht einen Weiterbau Berichten zufolge von der Museumszusage der Stadt abhängig. Adolf Lupp ist zugleich zentrale Gläubigerfigur – das Unternehmen hatte den Baustopp 2023 ausgelöst. Eine finale Einigung mit dem Insolvenzverwalter gab es bis Redaktionsschluss nicht.
Der 595-Millionen-Museumsdeal: Wie die Stadt Hamburg einsteigt
Am 15. Oktober 2025 beschloss der Senat, rund 46.000 Quadratmeter im Elbtower – knapp die Hälfte der Gesamtfläche – zum Festpreis von 595 Millionen Euro zu kaufen. Dort soll das Naturkundemuseum „Evolutioneum“ einziehen, betrieben vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB). Hamburg hatte sich im Staatsvertrag mit Nordrhein-Westfalen von 2021 verpflichtet, für das LIB ein modernes Naturkundemuseum zu errichten. Der Senat begründet den Einstieg mit einem Kostenvergleich: Ein eigenständiger Museumsneubau in der HafenCity würde nach Angaben von Finanzsenator Andreas Dressel rund 824 Millionen Euro kosten – etwa 230 Millionen Euro mehr als die Elbtower-Lösung – und erst rund fünf Jahre später fertig werden. Für das Konsortium ist der Deal der Dreh- und Angelpunkt: Die Kaufzusage der Stadt gilt als Anker für die Finanzierung des Weiterbaus. Da der Festpreis für schlüsselfertig ausgebaute Flächen gilt, liegt das Baukostenrisiko nach Darstellung der Stadt beim Konsortium. Kritiker fragen dennoch, ob der Preis stabil bleibt, falls etwa neue Setzungsschäden auftreten.
Kleinerer Turm, neue Planung: Höhe, Fläche und Nutzungsmix
Für den Deal wird der Turm verkleinert: Statt 245 Metern sind nun 199 Meter geplant, die Nutzfläche sinkt von rund 120.000 auf rund 100.000 Quadratmeter. Das Büro David Chipperfield Architects hat den Entwurf entsprechend angepasst. Der Nutzungsmix bleibt: Im Sockel entsteht das Naturkundemuseum, darüber sind Büros, das Hotel Hilton Hamburg Elbtower mit 195 Zimmern und eine öffentliche Aussichtsplattform vorgesehen. Anfang März 2026 erteilte die Behörde einen positiven Bauvorbescheid; er ist im Transparenzportal Hamburg dokumentiert. Die Genehmigungsfrist wurde bis zum 23. März 2029 verlängert. Aus Nachhaltigkeitssicht spricht für das Konzept, dass der Rohbau weitergenutzt statt abgerissen wird; belastbare Zertifizierungsaussagen liegen bislang nicht vor.
Baustelle an den Elbbrücken: Lage, Verkehrsanbindung und Bahnschäden
Der Elbtower steht am östlichen Abschluss der HafenCity, direkt an den Elbbrücken am Nordufer der Norderelbe. Die Doppelstation Elbbrücken aus U4 und S-Bahn erschließt das Quartier – für die Stadt ein zentrales Argument beim Grundstücksverkauf. Ausgerechnet die Bahnnähe brachte das Projekt in die nächste Krise: Während der Bauarbeiten traten Setzungsschäden an den Bahnanlagen am Bahnhof Elbbrücken auf. Die Behörde verhängte ein vorläufiges Weiterbauverbot, das bis zum 23. März 2026 befristet war und seither ausgelaufen ist. Die Setzungen werden per Monitoring überwacht; Grenzwerte sollen den Bahnbetrieb schützen. Ungeklärt ist die Haftungsfrage: Wer zahlt, falls die Schäden wieder auftreten?
Kritik: Wortbruch-Vorwurf und die Steuerzahler-Debatte
Politisch heikel ist der Einstieg, weil Bürgermeister Peter Tschentscher eine Beteiligung der Stadt am Elbtower mehrfach öffentlich ausgeschlossen hatte. CDU und Bund der Steuerzahler werfen dem Senat deshalb Wortbruch vor und sprechen von einer verdeckten Rettung auf Kosten der Steuerzahler. Der Senat kontert: Es gebe keinen Baukostenzuschuss, die Stadt kaufe fertige Fläche zum Festpreis – und das deutlich günstiger als einen Neubau. Zudem bestehe die Verpflichtung zum Museumsbau unabhängig vom Elbtower. Beide Positionen stützen sich auf belegbare Fakten: Die früheren Zusagen Tschentschers sind dokumentiert, die Kostenkalkulation des Senats ebenfalls. Zur fairen Einordnung gehört auch: Ohne die Kaufzusage der Stadt wäre ein Weiterbau nach bisherigem Stand kaum finanzierbar – genau das macht den Deal politisch angreifbar, wirtschaftlich aber zugleich attraktiv.
Aktueller Stand und Ausblick (Stand 07/2026)
Baurechtlich ist der Weg frei: Der positive Bauvorbescheid liegt vor, die Genehmigung läuft bis März 2029, das Weiterbauverbot ist im März 2026 ausgelaufen. Einen Baustart gibt es trotzdem nicht. Der Kaufvertrag zwischen Konsortium und Insolvenzverwaltung steht noch aus; erst danach können Finanzierung und Bauablauf konkret werden. Geplant ist die Fertigstellung bis Ende 2029, inklusive des Museums im Sockel.
Nachtrag (Stand 26.08.2026): Klaus-Michael Kühne ist in der Nacht zum 24. August 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben, wie Kühne+Nagel bestätigte. Welche Folgen das für die Kapitalstruktur des Konsortiums hat, ist offen. Berichte vom August 2026 sprechen zudem von stockenden Verhandlungen und wachsender Unruhe bei den Kapitalgebern – ein Baustart ist weiterhin nicht absehbar.
FAQ: Häufige Fragen zum Elbtower Hamburg
Wie hoch wird der Elbtower Hamburg?
Aktuell sind 199 Meter geplant; ursprünglich sollte der Turm 245 Meter und 64 Etagen erreichen. Der vorhandene Rohbau steht bei rund 100 Metern.
Was kostet der Elbtower – und wer bezahlt das Naturkundemuseum?
Die Baukosten wurden zuletzt (2022) mit rund 950 Millionen Euro beziffert. Die Stadt Hamburg soll nach dem Senatsbeschluss 595 Millionen Euro Festpreis für rund 46.000 Quadratmeter Museumsfläche zahlen; den Rest tragen die privaten Investoren.
Warum steht der Elbtower seit 2023 still?
Im Oktober 2023 stoppte die Baufirma Adolf Lupp die Arbeiten wegen unbezahlter Rechnungen von rund 37 Millionen Euro. Es folgten die Signa-Insolvenz und ein behördliches Weiterbauverbot wegen Schäden an den Bahnanlagen, das im März 2026 auslief.
Wer baut den Elbtower jetzt weiter?
Ein Konsortium um Dieter Becken mit Signal Iduna, Dirk Roßmann, Adolf Lupp und – bis zu seinem Tod am 24. August 2026 – Klaus-Michael Kühne. Der Kaufvertrag mit dem Insolvenzverwalter steht noch aus.
Der Elbtower Hamburg ist damit weniger Bauprojekt als Politikum: Die 595-Millionen-Lösung kann der Stadt ein Museum rund 230 Millionen Euro günstiger liefern – oder ein langfristiges Restrisiko bescheren, falls der Festpreis nicht hält oder die Bahnschäden sich ausweiten. Wie eng private Investoren und städtische Planung in Hamburg verzahnt sind, zeigt auch das Holsten Areal in Altona. Da sich der Verhandlungsstand kurzfristig ändern kann, lohnt der Blick in die offiziellen Quellen, etwa das Transparenzportal Hamburg und die Fertigstellung bis Ende 2029 laut Senatsmeldungen auf hamburg.de.
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