Überseestadt Bremen: 300 Hektar, 26.000 Arbeitsplätze – und nur 5.500 Einwohner
Überseestadt Bremen im Faktencheck: Fläche, Einwohner, Beschäftigte und Investitionen im Steckbrief – plus die kritischen Ergebnisse der Bewohnerbefragung ÜBER.blick, Stand Mai 2025.

Die Überseestadt Bremen gehört nach Angaben der WFB Wirtschaftsförderung zu den größten Stadtentwicklungsprojekten Europas. Auf rund 300 Hektar links der Weser ist ein wirtschaftlich erfolgreicher Ortsteil entstanden: Rund 1.370 Betriebsstätten beschäftigen dort inzwischen 26.680 Menschen. Doch das Quartier hat eine Schieflage – erst 5.515 Einwohner leben dort (Stand 2024), während für 2030 rund 12.000 prognostiziert werden. Dieser Artikel ordnet die offiziellen Kennzahlen ein, zeigt die Stärken des Bremer Modells und benennt die belegten Schwächen des Projekts.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die Überseestadt Bremen ist ein rund 300 Hektar großes Konversionsareal, das die WFB Wirtschaftsförderung Bremen im Treuhandmodell für die Stadt entwickelt.
- Rund 1.370 Betriebsstätten mit 26.680 Beschäftigten (Jahresdurchschnitt 2023) prägen den Ortsteil als Wirtschaftsstandort.
- 5.515 Einwohner (2024) stehen einer Prognose von rund 12.000 bis 2030 gegenüber – rechnerisch ist diese Marke beim aktuellen Bautempo kaum erreichbar.
- Erwartete private Investitionen: rund 2 Mrd. Euro, davon rund 1,22 Mrd. Euro bereits zugesagt oder realisiert (Stand 12/2024).
- Die Bewohnerbefragung ÜBER.blick der Hochschule Bremen (2019) dokumentiert deutliche Defizite bei Nahversorgung und Quartiersleben.
Überseestadt Bremen im Steckbrief (Stand Mai 2025)
Die folgenden Kennzahlen stammen aus dem Factsheet der WFB zur Überseestadt (Stand Mai 2025) sowie vom Statistischen Landesamt Bremen.

| Kennzahl | Wert | Stand / Quelle |
|---|---|---|
| Gesamtfläche | rund 300 ha (1 km breit, 3,5 km lang) | WFB, 5/2025 |
| Vermarktbare Fläche | 119,2 ha, davon 93,2 ha vermarktet | WFB, 12/2021 |
| Träger | WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH, Sondervermögen der Stadtgemeinde im Treuhandmodell | WFB |
| Einwohner | 5.515 (Prognose 2030: rund 12.000) | Statistisches Landesamt Bremen, 2024 |
| Wohnungsbestand | 2.772 (Zielkorridor: rund 3.700) | WFB, 12/2023 |
| Betriebsstätten | rund 1.370 | Statistisches Landesamt Bremen, 2023 |
| Beschäftigte | 26.680 (Jahresdurchschnitt) | Statistisches Landesamt Bremen, 2023 |
| Private Investitionen | rund 2 Mrd. Euro erwartet, 1,22 Mrd. Euro zugesagt bzw. realisiert | WFB, 12/2024 |
| Öffentliche Investitionen | 485 Mio. Euro geplant, 325 Mio. Euro bewilligt | WFB, 12/2024 |
| Verkehrsanbindung | Straßenbahnlinien 3 (seit 12/2006) und 5 sowie Buslinien 20, 26 und 28; Anschluss an die Autobahn 270 | WFB |
Die Gegenüberstellung macht die Asymmetrie des Projekts sichtbar: Während Beschäftigung und Investitionen die Erwartungen erfüllen oder übertreffen, bleibt die Wohnbevölkerung deutlich hinter dem Zielwert zurück.
Was ist die Überseestadt Bremen? Lage, Akteure und Vorgeschichte
Die Überseestadt ist ein Konversionsprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Bremer Überseehafens. Das Areal liegt links der Weser, rund zwei Kilometer nordwestlich der historischen Innenstadt, und erstreckt sich auf einer Länge von etwa 3,5 Kilometern entlang des Flusses. Entwickelt und vermarktet wird das Gebiet von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH im Auftrag der Freien Hansestadt Bremen; die WFB führt das Areal als Sondervermögen der Stadtgemeinde im Treuhandmodell.
Die Voraussetzung für das Großprojekt schuf erst die Hafenräumung: 1991 wurde der Überseehafen geschlossen, 1998 wurde eines der Hafenbecken mit rund 3,5 Millionen Kubikmetern Sand verfüllt – erst dadurch entstanden die Bauflächen, auf denen das Quartier seitdem wächst. Weitere Flächen wurden durch die Sanierung und den Umbau denkmalgeschützter Speicher erschlossen, statt auf der grünen Wiese neu zu bauen.
Nutzungsmix und Wirtschaftsstandort – das Bremer Modell
Anders als reine Wohnquartiere setzt die Überseestadt bewusst auf einen gewerbe- und hafenaffinen Nutzungsmix – das sogenannte Bremer Modell. Dienstleistung, Büro, Gewerbe, Hafenwirtschaft und Logistik teilen sich das Areal mit Freizeit, Kultur und Wohnen.
Die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts fällt deutlich positiver aus als die der Wohnnutzung: Aus rund 300 Unternehmen mit etwa 6.000 Beschäftigten zu Projektbeginn sind bis 2023 rund 1.370 Betriebsstätten mit 26.680 Beschäftigten im Jahresdurchschnitt geworden (Quelle: Statistisches Landesamt Bremen). Für Projektentwickler und Investoren zählt der Standort damit zu den dynamischsten Gewerbe- und Büromärkten Bremens.
Wohnen in der Überseestadt – Wachstum ohne erreichtes Ziel
Bei der Wohnungsentwicklung hinkt das Quartier den eigenen Zielen hinterher. 2011 lebten nach Angaben des Statistischen Landesamts Bremen erst 288 Menschen in der Überseestadt; bis 2024 stieg die Zahl auf 5.515. Der Wohnungsbestand lag Ende 2023 bei 2.772 Einheiten – der Zielkorridor des Nutzungskonzepts sieht rund 3.700 Wohnungen vor.
Für 2030 liegt die Prognose aus dem Verkehrsmodell 2021 der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau bei rund 12.000 Einwohnern. Rechnerisch wäre dafür eine mehr als Verdopplung der Bevölkerung innerhalb von sechs Jahren nötig. Gemessen am bisherigen Tempo – gut 5.500 Einwohner in rund zwei Jahrzehnten seit Projektstart – gilt diese Marke daher als kaum erreichbar, selbst wenn die geplanten Neubauten auf der Überseeinsel zügig umgesetzt werden.
Kritische Bilanz – was Bewohner an der Überseestadt stört
Wie es um die Lebensqualität im Quartier bestellt ist, hat die Bewohnerbefragung ÜBER.blick der Hochschule Bremen untersucht (veröffentlicht 2019 auf sozialraum.de). Laut der Studie aus dem Jahr 2019 waren nur 7 Prozent der Befragten mit dem Einzelhandelsangebot zufrieden, 8 Prozent mit den Schulen und 12 Prozent mit der medizinischen Versorgung. 53 Prozent gaben an, das Quartier oft als leblos zu empfinden. Aufschlussreich für die Bindungskraft des Ortsteils: Demnach zogen 25 Prozent der im Jahr 2018 zugezogenen Bewohner wieder weg – die höchste Fortzugsquote aller Bremer Stadtteile.
Ergänzend beschreibt die Studie Segregationstendenzen zwischen Luxus- und Sozialwohnungen sowie eine fehlende soziale Mitte im Quartier. Die Werte beziehen sich auf das Erhebungsjahr 2019 und sind als Momentaufnahme zu lesen, nicht als Beschreibung der heutigen Verhältnisse. Mit der Nahversorgung auf der Überseeinsel – etwa dem geplanten Schulcampus – reagiert die Stadtentwicklung auf einen Teil dieser Kritikpunkte. Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem Erfolg und alltäglicher Lebensqualität das zentrale Spannungsfeld des Projekts.
Ausblick – Überseeinsel und aktuelle Auszeichnungen
Die Entwicklung tritt mit der Überseeinsel, dem ehemaligen Kellogg-Areal, in die nächste Stufe: Auf rund 41 Hektar beziehungsweise 250.000 Quadratmetern Entwicklungsfläche sind Wohnen, Gewerbe und ein Schulcampus geplant – nach der Rahmenplanung der WFB weitgehend autofrei. Mit dem Zukunftsquartier Piek 17 wurde 2025 ein weiterer Wettbewerb entschieden.
Fachliche Anerkennung erhielt die Konversionsstrategie zuletzt durch den Deutschen Städtebaupreis 2025: Der Kellogg Pier auf der Überseeinsel wurde mit dem Sonderpreis „Umbaukultur in der zirkulären Stadt“ ausgezeichnet. Für die Immobilienwirtschaft signalisiert das: Das Projekt ist nicht abgeschlossen, und der Fokus liegt weiter auf dem Umbau des Bestands statt auf Neubau außerhalb der Stadt.
Häufige Fragen zur Überseestadt Bremen
Wer betreibt die Überseestadt Bremen?
Entwickelt und vermarktet wird das Areal von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH im Auftrag der Freien Hansestadt Bremen. Die WFB führt die Überseestadt als Sondervermögen der Stadtgemeinde im Treuhandmodell.
Wie viele Menschen leben in der Überseestadt?
Nach Angaben des Statistischen Landesamts Bremen lebten 2024 dort 5.515 Menschen. Der Wohnungsbestand lag Ende 2023 bei 2.772 Wohnungen.
Wird das Einwohnerziel von 2030 erreicht?
Die Prognose von rund 12.000 Einwohnern bis 2030 gilt als kaum erreichbar: Dafür müsste sich die Bevölkerung innerhalb von sechs Jahren mehr als verdoppeln – deutlich schneller als das bisherige Zuwachstempo.
Was macht die Überseestadt für Investoren interessant?
Rund 1.370 Betriebsstätten mit 26.680 Beschäftigten, erwartete private Investitionen von etwa 2 Mrd. Euro und weiterhin verfügbare vermarktbare Flächen halten den Standort für Projektentwickler und Investoren relevant.
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