Zum Inhalt springen

Europaviertel Frankfurt: 20 Jahre Bauzeit, DGNB-Platin – und eine U-Bahn, die erst 2029 kommt

Europaviertel Frankfurt im Überblick: Aurelis und CA Immo als Entwickler, DGNB-Platin-Zertifizierung, Kennzahlen zu Flächen und Arbeitsplätzen – und die U5-Verzögerung mit Kosten bis 587 Mio. Euro.

Immobilien Heute Redaktion 20 Min. Lesezeit
Startseite der Quartierswebsite europaviertel.de mit Übersicht zum Europaviertel Frankfurt

Das Europaviertel Frankfurt zählt zu den größten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekten Deutschlands. Auf dem Gelände des ehemaligen Hauptgüterbahnhofs im Stadtteil Gallus ist auf knapp 90 Hektar freigewordener Bahnfläche ein komplett neues Quartier mit Büros, Hotels, Wohnungen und dem Einkaufszentrum Skyline Plaza entstanden. Doch mehr als 20 Jahre nach Baubeginn fehlt dem Viertel die mit Abstand wichtigste Infrastruktur: Die U-Bahn-Linie U5, die den Stadtteil an das Schienennetz anbinden soll, wird frühestens Ende 2029 in Betrieb gehen – zehn Jahre später als ursprünglich geplant und mit mehr als doppelt so hohen Kosten. Dieser Überblick ordnet Entstehung, Akteure, Kennzahlen und Vermarktungsstand des Europaviertel Frankfurt ein – von der DGNB-Platin-Zertifizierung über das U5-Debakel bis zur Debatte um den geförderten Wohnungsbau.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Aurelis Asset GmbH entwickelt das Europaviertel West (rund 66,7 ha), CA Immo Deutschland das Europaviertel Ost (rund 18 ha).
  • Das Planungsgebiet umfasst rund 145 ha, davon rund 100 ha ehemalige Bahnfläche (Quelle: Stadtplanungsamt Frankfurt).
  • Zielwerte: bis zu 30.000 Arbeitsplätze und 8.000 bis 10.000 Einwohner; das Stadtplanungsamt nennt rund 3.500 Wohneinheiten.
  • 2012 wurde das Europaviertel West als eines der ersten Stadtquartiere Europas mit einem DGNB-Zertifikat in Platin ausgezeichnet (82,6 % Gesamterfüllungsgrad, gültig bis Januar 2021).
  • Die U5-Anbindung verschob sich von 2019 auf frühestens Ende 2029; die Kosten stiegen von 281,4 Mio. Euro (2015) auf zuletzt 587 Mio. Euro (Juni 2026).

Steckbrief: Das Europaviertel Frankfurt im Überblick

MerkmalAngabeQuelle / Stand
LageStadtteil Gallus, rund 2,4 km zwischen Güterplatz und RebstockgeländeWikipedia, aktueller Eintrag
Entwickler WestAurelis Asset GmbH, rund 66,7 haWikipedia, aktueller Eintrag
Entwickler OstCA Immo Deutschland (vormals Vivico Real Estate), rund 18 haWikipedia, aktueller Eintrag
Freigewordene Flächeknapp 90 ha ehemaliges BahngeländeStadtplanungsamt Frankfurt
Planungsgebietrund 145 ha in drei BebauungsplänenStadtplanungsamt Frankfurt
NutzungsmixBüro, Hotels, Wohnen, Skyline Plaza, Schule, soziale InfrastrukturWikipedia
Ziel Arbeitsplätzebis zu 30.000Projektangaben / Wikipedia
Ziel Wohnen8.000–10.000 Einwohner bzw. rund 3.500 WohneinheitenWikipedia / Stadtplanungsamt, abweichende Zeitpunkte
DGNB-ZertifikatPlatin (2012), 82,6 % Erfüllungsgrad, gültig bis 01/2021DGNB-Projektdatenbank (dgnb.de)
U5-Statusfrühestens Ende 2029; Kosten zuletzt 587 Mio. Eurohessenschau.de, Juni 2026
Geförderter Wohnanteilzugesagt 30 %, realisiert rund 20 %Wikipedia mit Quellenverweis

Lage und Vorgeschichte: Vom Güterbahnhof zum Stadtquartier

Das Europaviertel liegt im Frankfurter Stadtteil Gallus, unmittelbar westlich der Innenstadt und angrenzend an die Messe Frankfurt. Das Gebiet erstreckt sich über rund 2,4 Kilometer vom Güterplatz im Osten bis zum Rebstockgelände im Westen – eine der größten zusammenhängenden Konversionsflächen, die eine deutsche Großstadt in den vergangenen Jahrzehnten freigegeben hat. Zu den vergleichbaren Projekten auf ehemaligem Bahngelände zählt etwa die Bahnstadt Heidelberg.

Grundlage der Entwicklung war die Aufgabe des Hauptgüterbahnhofs. Die Anlage hatte den Frankfurter Güterverkehr über Jahrzehnte geprägt und den Stadtteil Gallus von der Innenstadt abgeschnitten. Ende der 1990er Jahre stellte die Deutsche Bahn den Betrieb auf dem Gelände weitgehend ein; bis in die frühen 2000er Jahre wurde die Fläche schrittweise für die Stadtentwicklung freigegeben. Den städtebaulichen Rahmenplan für die Neuordnung erarbeitete das Büro Albert Speer & Partner (AS&P); dessen erste Auflage lag im Jahr 2000 vor und wurde danach kontinuierlich fortgeschrieben. Er definierte die Leitlinien: eine gemischte, dichte und innenstadtnahe Nutzung entlang einer neuen zentralen Achse, der späteren Europaallee.

Die planungsrechtliche Umsetzung erfolgte über drei Bebauungspläne, die zusammen ein Gebiet von rund 145 Hektar umfassen; rund 100 Hektar davon sind ehemalige Bahnfläche. Das Stadtplanungsamt Frankfurt dokumentiert die Bauleitplanung auf einer eigenen Projektseite. Mit dem Baubeginn Mitte der 2000er Jahre startete eine Entwicklung, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstrecken sollte – und die bis heute nicht vollständig abgeschlossen ist. Die Nähe zur Messe und zum Bankenviertel machte die Fläche für Büro- und Hotelnutzungen früh attraktiv; der Wohnungsbau folgte in mehreren Teilquartieren.

Bauleitplanungsseite des Stadtplanungsamts Frankfurt zum Europaviertel mit Übersicht der Bebauungspläne

Aurelis und CA Immo: Zwei Entwickler, zwei Teilquartiere

Die Entwicklung des Europaviertels liegt nicht bei einer städtischen Gesellschaft, sondern bei zwei privaten Akteuren mit klar abgegrenzten Zuständigkeiten. Das Europaviertel West mit rund 66,7 Hektar – der deutlich größere Teil – wird von der Aurelis Asset GmbH entwickelt. Das Unternehmen geht auf den Immobilienbestand der Deutschen Bahn zurück und agiert als klassischer Quartiersentwickler: Es erschließt das Gelände, vermarktet einzelne Baufelder an Bauträger und Investoren und steuert die Gesamtentwicklung.

Das kleinere Europaviertel Ost mit rund 18 Hektar betreut CA Immo Deutschland, die zur börsennotierten CA-Immo-Gruppe mit Sitz in Wien gehört. Die Gesellschaft firmierte bis Juni 2011 unter dem Namen Vivico Real Estate. Während Aurelis den Westen vor allem über den Verkauf einzelner Baufelder entwickelt, tritt CA Immo im Osten eher als Projektentwickler mit eigener Bestandshaltung auf – etwa mit dem Hochhaus ONE an der Europaallee, das 2022 fertiggestellt wurde.

Diese Zweiteilung prägt das Quartier bis heute: Es gibt keinen einheitlichen Gesamtentwickler, sondern zwei wirtschaftlich unabhängige Teilquartiere mit eigenen Vermarktungsstrategien und eigenen Zeitplänen. Für Investoren und Mieter bedeutet das: Je nach Lage innerhalb des Europaviertels sind unterschiedliche Ansprechpartner, Eigentümerstrukturen und Entwicklungsstände relevant.

Europaviertel Frankfurt: Die Kennzahlen im Überblick

Die Dimensionen des Projekts lassen sich am besten über wenige zentrale Kennzahlen erfassen. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Flächen- und Zielwerte zusammen – jeweils mit Quelle und Stand, weil die öffentlich kursierenden Zahlen je nach Zeitpunkt und Zählweise abweichen.

KennzahlWertQuelle / Stand
Freigewordene Bahnflächeknapp 90 haStadtplanungsamt Frankfurt
Planungsgebiet (drei Bebauungspläne)rund 145 ha, davon rund 100 ha ehemalige BahnflächeStadtplanungsamt Frankfurt
Europaviertel West (Aurelis)rund 66,7 haWikipedia, aktueller Eintrag
Europaviertel Ost (CA Immo)rund 18 haWikipedia, aktueller Eintrag
Geplante Arbeitsplätzebis zu 30.000Projektangaben / Wikipedia
Zielgröße Einwohner8.000–10.000Wikipedia, aktueller Eintrag
Zielgröße Wohneinheitenrund 3.500 (innenstadtnah)Stadtplanungsamt Frankfurt
U5-Verlängerung2,7 km, vier StationenVGF-Projektseite / Pressemitteilungen

Auffällig ist die Differenz bei den Wohnzielwerten: Der Wikipedia-Eintrag nennt 8.000 bis 10.000 Einwohner, das Stadtplanungsamt spricht von rund 3.500 Wohneinheiten. Beide Angaben sind nicht zwangsläufig widersprüchlich – sie beziehen sich auf unterschiedliche Stände und Zählweisen. Das Amt beschreibt mit den 3.500 Einheiten den planungsrechtlich fixierten Umfang; die Einwohnerzahl ist eine daraus abgeleitete Zielgröße, die je nach durchschnittlicher Haushaltsgröße variiert. Wer das Viertel bewertet, sollte daher immer angeben, auf welchen Stand und welche Zählweise sich eine Zahl bezieht.

Die Zielmarke von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen würde das Europaviertel zu einem der größten Bürostandorte Frankfurts außerhalb des Bankenviertels machen. Erreicht wird diese Größenordnung allerdings nur, wenn die verbleibenden Gewerbebaufelder tatsächlich bebaut und vermietet werden – und genau hier hängt viel an der Verkehrsanbindung.

Infografik: Europaviertel Frankfurt: Die Kennzahlen im Überblick Kennzahl: Freigewordene Bahnfläche | Wert: knapp 90 ha | Quelle / S...

Nutzungsmix: Büro, Wohnen, Hotels und das Skyline Plaza

Das Europaviertel ist als gemischtes Quartier konzipiert, nicht als monofunktionale Bürostadt. Entlang der Europaallee und ihrer Seitenstraßen konzentrieren sich Bürogebäude und Hotels, die strukturell von der Messenähe profitieren. Die Wohnquartiere – darunter die früh vermarkteten Helenenhöfe und das Quartier Parkend – liegen in den ruhigeren Bereichen des Gebiets.

Die Versorgungsmitte bildet das 2013 eröffnete Einkaufszentrum Skyline Plaza mit einem breiten Einzelhandels- und Gastronomieangebot. Ergänzt wird der Mix durch eine Schule, Kindertagesstätten und weitere soziale Infrastruktur sowie durch den Europagarten als zentralen Grünzug des Westteils.

Für die Immobilienwirtschaft ist dieser Mix zweischneidig. Er erhöht die Attraktivität für Mieter und Käufer, verteilt das Projekt aber auf mehrere Teilmärkte mit unterschiedlichen Zyklen: Büro, Hotellerie, Einzelhandel und Wohnen entwickeln sich nicht synchron. Während die Hotellerie von der Messelage und der Büronachfrage abhängt, leben die Wohnquartiere vor allem vom Innenstadt-Bezug – und beide Segmente spüren die fehlende U-Bahn auf unterschiedliche Weise.

Verkehrsanbindung: S-Bahn, U4, Straßenbahn – und das U5-Debakel

Heute ist das Europaviertel vor allem über die S-Bahn erreichbar: Die Linien S3 bis S6 halten an den Stationen Frankfurt Messe und Galluswarte, die allerdings am Rand des Gebiets liegen. Hinzu kommen die U4 an der Station Festhalle/Messe sowie mehrere Straßenbahnlinien. Für ein Quartier mit bis zu 30.000 Arbeitsplätzen ist das zu wenig – geplant war von Anfang an eine U-Bahn durch das Viertel.

Die Verlängerung der U5 vom Hauptbahnhof ins Europaviertel umfasst 2,7 Kilometer und vier Stationen: Güterplatz, Emser Brücke, Europagarten und eine westliche Endstation (Arbeitstitel Wohnpark). Die Strecke gilt als Schlüsselinfrastruktur des gesamten Quartiers – und ist zugleich sein größtes Infrastrukturdebakel. Die Chronologie in Zahlen:

StandGeplante InbetriebnahmeGeschätzte KostenQuelle
20152019 (Zielwert aus der GVFG-Förderung)281,4 Mio. EuroStadt Frankfurt / Projektunterlagen
20192025373,5 Mio. EuroStadt Frankfurt
20232027515 Mio. EuroStadt Frankfurt
September 2025frühestens Ende 2029515 Mio. Eurofr.de
Juni 2026Ende 2029587 Mio. Eurohessenschau.de

Damit summiert sich die Verzögerung auf rund zehn Jahre, die Kostenschätzung hat sich seit 2015 mehr als verdoppelt – von 281,4 auf 587 Millionen Euro. Als Gründe nennen Stadt und Verkehrsbetriebe unter anderem Kampfmittelfunde aus dem Zweiten Weltkrieg, die eine aufwendige Räumung des ehemaligen Bahngeländes erforderten, wiederholte Vergabeprobleme bei einzelnen Baulosen sowie stark gestiegene Marktpreise. Letztere hängen auch mit der allgemein angespannten Lage am Markt für Tiefbauleistungen zusammen, nicht zuletzt angesichts der bundesweit laufenden Sanierung der Schieneninfrastruktur: Die Baukapazitäten sind ausgelastet, und die Preise für Tiefbauleistungen steigen entsprechend. Teile des Rohbaus, etwa der Station Europagarten, sind Presseberichten zufolge bereits fertiggestellt.

Zwei Umrechnungen verdeutlichen die Dimension. Auf die 2,7 Kilometer Streckenlänge bezogen entsprechen die 587 Millionen Euro rund 217 Millionen Euro je Kilometer – ein Wert, der die Folgen von Kampfmittelräumung, Vergabeschleifen und Tiefbaupreisen bündelt. Und auf die Quartierschronologie bezogen: Da die Entwicklung Mitte der 2000er Jahre begann und große Teile des Viertels längst bezogen und betrieben werden, wird das Europaviertel bei einer Eröffnung Ende 2029 weit über zwei Jahrzehnte ohne seine zentrale Schienenanbindung ausgekommen sein. Finanziert wird die Strecke im Rahmen des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG); der ursprüngliche Termin 2019 war zugleich Zielwert dieser Förderung. Nach der Systematik der GVFG-Förderung verbleiben Mehrkosten oberhalb der bewilligten Zuschüsse in der Regel bei der Kommune – die Differenz zwischen der ersten und der aktuellen Schätzung liegt bei rund 305 Millionen Euro.

Für das Quartier bedeutet das: Mehr als 20 Jahre nach Baubeginn ist das Europaviertel weiterhin nicht schienengebunden erschlossen. Der aktuelle Projektstand ist auf der Projektseite der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) dokumentiert; die jüngste Kostensteigerung auf 587 Millionen Euro meldete die hessenschau im Juni 2026. Für Büromieter und Investoren bleibt die fehlende U-Bahn bis auf Weiteres der entscheidende Standortnachteil – und für die Stadt ein langfristiges Finanzierungsrisiko.

Nachhaltigkeit: DGNB-Zertifizierung in Platin – und ihre Halbwertszeit

2012 wurde das Europaviertel West als eines der ersten Stadtquartiere Europas mit einem Nachhaltigkeitszertifikat in Platin ausgezeichnet. In der Projektdatenbank der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ist für das Europaviertel West ein Gesamterfüllungsgrad von 82,6 Prozent hinterlegt; das Zertifikat war bis Januar 2021 gültig.

Korrekt einzuordnen ist der zweistufige Kommunikationsverlauf: Aurelis hatte die Auszeichnung Anfang 2012 zunächst als Zertifikat in Gold kommuniziert. Die DGNB-Datenbank weist die finale Bewertung jedoch als Platin aus – maßgeblich ist damit der Datenbankstand, nicht die ursprüngliche Pressemitteilung.

Das Quartierszertifikat bewertet nicht einzelne Gebäude, sondern die Gesamtqualität des Stadtteils – von ökologischen Kriterien wie Energie- und Flächeneffizienz über ökonomische bis zu soziokulturellen und prozessualen Aspekten. Für Asset Manager einzelner Immobilien im Quartier ist die Unterscheidung wichtig: Das Quartierszertifikat ersetzt keine gebäudebezogene Zertifizierung; einzelne Assets können unabhängig davon eigene Nachhaltigkeitsnachweise tragen, die für die ESG-Berichterstattung ohnehin maßgeblich sind. Ein zweiter Punkt bleibt relevant: Das Zertifikat lief im Januar 2021 aus, und eine Anschluss- oder Rezertifizierung ist öffentlich nicht dokumentiert. Wer das Platin-Prädikat heute noch als ESG-Argument für einzelne Assets im Quartier heranzieht, sollte prüfen, ob eine Zertifizierung aus dem Jahr 2012 den aktuellen Anforderungen – etwa der EU-Taxonomie – noch standhält.

Aktueller Stand der Vermarktung (Stand Juli 2026)

Die Vermarktung des Europaviertel West verlief wirtschaftlich erfolgreich – weitgehend unabhängig vom U5-Debakel. Früh verkauft waren die Wohnquartiere Helenenhöfe und Parkend; bereits 2012 war der Abschnitt Boulevard West komplett veräußert. Damit waren nach Aurelis-Angaben rund 80 Prozent des Nettobaulands vermarktet. Zur Einordnung: Nettobauland bezeichnet die unmittelbar bebaubaren Grundstücksflächen – die 80 Prozent beziehen sich damit nicht auf die gesamten 145 Hektar des Planungsgebiets, sondern auf den tatsächlich verwertbaren Anteil. Im Anschluss konzentrierte sich der Entwickler auf den Boulevard Mitte mit Büro- und Gewerbeflächen.

Regelmäßig falsch datiert wird ein Baufeldverkauf an die Messe Frankfurt: Der Verkauf zweier Baufelder erfolgte bereits am 17. Dezember 2013. Er ist damit ein frühes Etappenergebnis, kein aktuelles Ereignis.

Zum Gesamtstand gilt: Nach dem verfügbaren Quellenmaterial sind die Wohnbaufelder im Europaviertel West weitgehend veräußert; Aurelis hat den Fokus seit Jahren auf die Gewerbeflächen verlagert. Eine tagesaktuelle öffentliche Bestätigung, dass sämtliche Baufelder final verkauft sind, liegt nicht vor – entsprechende Angaben sollten daher vorsichtig formuliert werden. Für den Markt ist die Richtung klar: Aurelis tritt schrittweise als Verkäufer auf, die Wertschöpfung im Quartier findet zunehmend bei Bauträgern, Investoren und Bestandshaltern statt. Im Europaviertel Ost entwickelt CA Immo derweil weiter auf eigene Rechnung.

Kritik und offene Punkte: Geförderter Wohnungsbau und Gentrifizierung

Die härteste sachliche Kritik betrifft den geförderten Wohnungsbau. Zugesagt waren 30 Prozent geförderter Wohnungen am Gesamtwohnungsbestand; realisiert wurden dem Wikipedia-Eintrag zufolge (mit Quellenverweis) höchstens rund 20 Prozent. Für einen Stadtteil wie den Gallus, der zu den traditionellen Arbeitervierteln Frankfurts zählt, ist das kein Randthema: Die Debatte um Gentrifizierung, steigende Mieten und die Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung begleitet das Projekt von Anfang an.

Für die Immobilienwirtschaft hat diese Debatte eine praktische Dimension. Quoten für gefördertes Wohnen sind inzwischen ein Standardinstrument kommunaler Stadtentwicklung; dass sie in einem der größten deutschen Quartiersprojekte spürbar verfehlt wurden, dürfte die Anforderungen in künftigen Frankfurter Verfahren erhöhen – etwa durch frühere und vertraglich härtere Festlegungen in städtebaulichen Verträgen. Wer in Frankfurt oder vergleichbaren Lagen Baufelder erwirbt, sollte die jeweils geltenden Quotenzusagen daher als festen Kalkulationsbestandteil behandeln, nicht als nachträglich verhandelbare Größe.

Journalistisch zugespitzt hat die WELT das Projekt 2024 als eines der „misslungensten Großprojekte im neueren deutschen Städtebau“ bezeichnet; in Frankfurt trägt die Europaallee wegen ihrer geschlossenen, hochformatigen Bebauung den Spitznamen „Stalin-Allee“. Solche Zuspitzungen sind Teil der öffentlichen Debatte und gehören zur vollständigen Einordnung dazu.

Fairerweise gehört zur Bilanz auch die Gegenrechnung: Das Viertel wurde tatsächlich gebaut – anders als viele angekündigte Großprojekte dieser Größenordnung. Zum Vergleich bietet sich die Bilanz der HafenCity Hamburg nach 25 Jahren an. Die Vermarktung lief, die Flächen sind belegt, und die Nachhaltigkeitszertifizierung wurde erreicht. Die zentralen Defizite liegen woanders: in der bis 2029 fehlenden U-Bahn, im verfehlten Ziel beim geförderten Wohnen und in einem Zertifikatsstatus, der seit Januar 2021 offen ist.

FAQ: Häufige Fragen zum Europaviertel Frankfurt

Wer entwickelt das Europaviertel Frankfurt?

Das Europaviertel West (rund 66,7 ha) entwickelt die Aurelis Asset GmbH, das Europaviertel Ost (rund 18 ha) die CA Immo Deutschland, vormals Vivico Real Estate (Firmierung seit Juni 2011). Die Stadt Frankfurt steuert das Projekt über die Bauleitplanung; Erschließung und Baufeldvermarktung liegen bei den beiden privaten Entwicklern.

Wann kommt die U5 ins Europaviertel?

Nach aktuellem Stand frühestens Ende 2029. Ursprünglich war die Inbetriebnahme für 2019 geplant; zuletzt meldete die hessenschau im Juni 2026 eine Kostensteigerung auf 587 Millionen Euro. Die 2,7 Kilometer lange Verlängerung umfasst die Stationen Güterplatz, Emser Brücke, Europagarten und eine westliche Endstation (Arbeitstitel Wohnpark).

Wie viele Menschen sollen im Europaviertel leben und arbeiten?

Die Zielwerte nennen bis zu 30.000 Arbeitsplätze. Beim Wohnen kursieren zwei Angaben: Der Wikipedia-Eintrag nennt 8.000 bis 10.000 Einwohner, das Stadtplanungsamt Frankfurt rund 3.500 Wohneinheiten. Die Differenz erklärt sich aus unterschiedlichen Ständen und Zählweisen – Einwohnerziel versus planungsrechtlich fixierter Wohnungszahl.

Ist das Europaviertel ein gelungenes Stadtentwicklungsprojekt?

Das hängt von der Perspektive ab. Städtebaulich und wirtschaftlich ist das Quartier weitgehend fertiggestellt und vermarktet, 2012 gab es DGNB-Platin. Infrastrukturell bleibt die fehlende U5 bis mindestens 2029 der zentrale Mangel; sozialpolitisch kritisieren Beobachter den geförderten Wohnanteil von rund 20 statt zugesagter 30 Prozent. Die WELT zählte das Projekt 2024 zu den „misslungensten Großprojekten im neueren deutschen Städtebau“.

Einordnung: Weitgehend fertig gebaut, aber unvollendet

Für die Immobilienwirtschaft ist das Europaviertel Frankfurt ein Lehrstück in zwei Richtungen. Positiv: Die Konversion eines innerstädtischen Bahnareals in ein gemischtes Quartier mit bis zu 30.000 Arbeitsplätzen ist gelungen – die Flächen sind vermarktet, die Nachfrage ist vorhanden. Negativ: Das Projekt zeigt, wie stark der Wert großer Quartiere von Infrastrukturzusagen abhängt. Die U5-Verzögerung um zehn Jahre und die Kostenexplosion von 281,4 auf 587 Millionen Euro treffen Mieter, Eigentümer und die Stadtgesellschaft gleichermaßen. Und beim geförderten Wohnen zeigt der Abstand zwischen Zusage (30 Prozent) und Ergebnis (rund 20 Prozent), wie begrenzt verbindlich soziale Zielwerte in privat getriebenen Großprojekten sind. Das Europaviertel Frankfurt ist damit städtebaulich weitgehend fertig, infrastrukturell und sozialpolitisch aber unvollendet – ein Zustand, der bis zur U5-Eröffnung 2029 Bestand haben dürfte.

Weitere Beiträge aus Bauprojekte