Zum Inhalt springen

Dietenbach: Freiburg baut einen ganzen Stadtteil für 16.000 Menschen – fertig erst 2042

Dietenbach: Freiburg baut bis 2042 einen neuen Stadtteil mit 6.900 Wohnungen für 16.000 Menschen. Zahlen, Zeitplan, Vergabemodell und Kritik im Überblick.

Immobilien Heute Redaktion 11 Min. Lesezeit
Offizielle Projektseite der Stadt Freiburg zum neuen Stadtteil Dietenbach mit Visualisierung des Bauprojekts

Dietenbach ist das größte Neubaugebiet, das Freiburg seit dem Stadtteil Rieselfeld in Angriff nimmt – und eines der ambitioniertesten kommunalen Stadtentwicklungsprojekte in Deutschland, auf einer Stufe mit Großprojekten wie Oberbillwerder in Hamburg. Auf rund 107 Hektar im Freiburger Westen entstehen etwa 6.900 Wohnungen für rund 16.000 Menschen, dazu Kitas, ein Schulcampus, Gewerbeflächen und drei Stadtteilparks. Der Spatenstich erfolgte im Februar 2024, die Fertigstellung der letzten Gebäude ist laut Stadt Freiburg erst für 2042 geplant – ein Zeithorizont, der in der Branche ebenso für Aufmerksamkeit sorgt wie die Konzeptvergabe der Grundstücke zum Festpreis.

Dietenbach im Steckbrief
TrägerinStadt Freiburg, städtebauliche Entwicklungsmaßnahme mit eigener Projektgruppe
LageFreiburger Westen, zwischen dem Stadtteil Rieselfeld und dem Autobahnzubringer B 31a, angrenzend an den Mundenhof
Flächerund 107 Hektar Gesamtgebiet
Wohnungenrund 6.900 Wohnungen für etwa 16.000 Menschen
Geförderter Wohnraum50 Prozent geförderter Mietwohnungsbau (Gemeinderatsbeschluss 2018)
Bildung22 Kitas, ein Schulcampus
Freiraumdrei Stadtteilparks
VerkehrStadtbahnverlängerung mit drei neuen Haltestellen
Bürgerentscheid24.02.2019: 60 Prozent Nein zur Frage „Soll das Dietenbachgebiet unbebaut bleiben?“ bei 49,6 Prozent Wahlbeteiligung
Spatenstich27.02.2024
VermarktungStart im ersten Quartal 2026, erste Bewerbungsfrist bis 12.06.2026
Fertigstellung2042 (letzte Gebäude)

Quellen: Stadt Freiburg, Projektseite Dietenbach und Planungsübersicht; Wikipedia mit Primärquellen (Badische Zeitung, SWR). Stand: Juli 2026.

Vorgeschichte und Bürgerentscheid: Wie es zu Dietenbach kam

Die Planungsgeschichte von Dietenbach beginnt im Dezember 2012, als der Freiburger Gemeinderat vorbereitende Untersuchungen für einen neuen Stadtteil beschloss. Eine Studie des Büros empirica hatte 2014 einen Bedarf von zusätzlich 14.600 Wohnungen in Freiburg bis 2030 ermittelt; ab 2015 konzentrierten sich die Untersuchungen auf die Dietenbachniederung, bis dahin überwiegend landwirtschaftlich genutzte Flächen zwischen Rieselfeld und der Autobahn.

2018 stellte der Gemeinderat die zentralen Weichen: Er beschloss die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, genehmigte den Rahmenvertrag mit der Sparkassengesellschaft und leitete das Bebauungsplanverfahren ein. Aus einem städtebaulichen Wettbewerb mit 27 europäischen Planungsteams ging der Entwurf von K9 Architekten als Sieger hervor. Im selben Jahr legte der Gemeinderat zudem eine Quote von 50 Prozent gefördertem Mietwohnungsbau für den neuen Stadtteil fest. 2023 übernahm die Stadt die Anteile der Sparkasse an der Entwicklungsmaßnahme Dietenbach (EMD) und führt das Projekt seither vollständig in eigener Regie.

Am 24. Februar 2019 stimmte die Freiburger Wählerschaft über die Frage ab: „Soll das Dietenbachgebiet unbebaut bleiben?“ 60 Prozent der Abstimmenden votierten mit Nein, die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent. Der Entscheid verzögerte die Planung nach Darstellung der Stadt um rund ein Jahr; die Kosten bezifferte Oberbürgermeister Martin Horn auf etwa 580.000 Euro. 2020 beschloss der Gemeinderat den Rahmenplan.

Der neue Stadtteil Dietenbach in Zahlen

Der Nutzungsmix folgt dem Anspruch, einen vollwertigen Stadtteil zu bauen und nicht nur ein Wohngebiet. Die wichtigsten Kennzahlen nach Angaben der Stadt Freiburg:

  • Wohnen: rund 6.900 Wohnungen für etwa 16.000 Menschen, davon 50 Prozent geförderter Mietwohnungsbau; ein hoher Anteil preiswerten Wohnraums ist zentrales Vergabekriterium.
  • Bildung: 22 Kitas und ein Schulcampus, dessen Baubeschluss im Mai 2026 gefasst wurde.
  • Nahversorgung und Gewerbe: Flächen für Einzelhandel, Gastronomie, soziale Einrichtungen und Gewerbe sind integraler Bestandteil des Rahmenplans.
  • Freiraum: drei Stadtteilparks; der bestehende Dietenbachpark bleibt erhalten.

Bemerkenswert für Projektentwickler und Bauträger ist das Vergabemodell: Die Stadt vermarktet die Flächen im Rahmen einer Konzeptvergabe zum Festpreis. Bewertet wird nicht der höchste Gebotspreis, sondern die Qualität des Konzepts – im Vordergrund stehen preiswerter Wohnraum, soziale und kulturelle Vielfalt, Klimaschutz sowie städtebauliche Qualität. Details stellt die Stadt in ihrem Vermarktungskonzept bereit.

Verkehr und Anbindung: Stadtbahn mit drei neuen Haltestellen

Dietenbach erhält eine eigene Stadtbahnanbindung: Die Linie wird ab Rieselfeld verlängert und erschließt den neuen Stadtteil mit drei Haltestellen. Das Mobilitätskonzept ist auf einen autoarmen Stadtteil ausgelegt; Stellplätze werden entsprechend gebündelt, unter anderem in Hochgaragen am Rand des Gebiets. Über die neue Anschlussstelle Freiburg-Dietenbach wird das Gebiet zusätzlich an das Straßennetz angebunden – deren Ausführung und Kosten sind allerdings noch Gegenstand laufender Entscheidungen (siehe Abschnitt Kritik).

Klimaschutz und Energie als eigenes Handlungsfeld

Die Stadt Freiburg behandelt die Energieversorgung in Dietenbach als eigenes Handlungsfeld. Das 2021 vorgestellte Energiekonzept setzt auf energieeffiziente Gebäude, Solarstrom, erneuerbare Nahwärme und grünen Wasserstoff; der Anspruch ist ein klimaneutraler Stadtteil. Klimaschutz ist zugleich formelles Kriterium der Konzeptvergabe – Bewerber müssen entsprechende Nachhaltigkeitskonzepte vorlegen.

Das Konzept ist allerdings nicht unumstritten. 2021 kritisierten Architekten und Fachvertreter der Erneuerbare-Energien-Wirtschaft – darunter Rainer Grießhammer, ehemaliger Geschäftsführer des Öko-Instituts – das Energiekonzept als zu teuer und zu energieintensiv; das Ziel der Klimaneutralität werde verfehlt. Die Stadtverwaltung widersprach dieser Einschätzung. Für das Fachpublikum bleibt Dietenbach damit auch ein Praxistest dafür, wie weit kommunale Klimaziele in der Flächenentwicklung tatsächlich tragen.

Zeitplan und aktueller Stand (Stand: Juli 2026)

Infografik: Zeitplan und aktueller Stand (Stand: Juli 2026) Jahr: 2012 | Meilenstein: Gemeinderatsbeschluss zu vorbereitenden Unters...

Von den ersten Untersuchungen bis zur geplanten Fertigstellung spannt das Projekt einen Bogen über drei Jahrzehnte. Die wichtigsten Meilensteine nach der Planungsübersicht der Stadt Freiburg:

JahrMeilenstein
2012Gemeinderatsbeschluss zu vorbereitenden Untersuchungen für einen neuen Stadtteil
2018Beschluss der Entwicklungsmaßnahme, Rahmenvertrag mit der Sparkassengesellschaft, Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs (K9 Architekten), Festlegung auf 50 Prozent geförderten Mietwohnungsbau
2019Bürgerentscheid am 24. Februar: 60 Prozent votieren gegen ein unbebautes Dietenbachgebiet
2020Rahmenplanbeschluss des Gemeinderats
2023Stadt übernimmt die Sparkassen-Anteile an der Entwicklungsmaßnahme
2024Spatenstich und Erschließungsbeginn am 27. Februar (mit Bundeskanzler Olaf Scholz); erster Bebauungsplan am 26. November als Satzung beschlossen
2026Vermarktungsstart im ersten Quartal; erste Bewerbungsfrist endet am 12. Juni
2027Zweiter Vermarktungsabschnitt voraussichtlich im Frühjahr
2042Fertigstellung der letzten Gebäude

Der erste Bebauungsplan vom November 2024 ebnet nach Angaben des SWR den Bau von 1.600 Wohnungen im ersten Bauabschnitt; die ersten Wohnungen sollen bis 2028 bezugsfertig sein. Im ersten Vermarktungsabschnitt konnten sich Bewerber bis zum 12. Juni 2026 für 23 Vergabepakete über die Vermarktungsplattform der Stadt bewerben. Die erste Bewerbungsrunde ist inzwischen abgeschlossen.

Planungsseite der Stadt Freiburg zu Dietenbach mit Zeitplan und Meilensteinen des Bebauungsplanverfahrens

Kritik und Kontroversen: Landwirte, Enteignungen und Baumbesetzung

So groß die Zustimmung beim Bürgerentscheid war, so hartnäckig war der Widerstand gegen das Projekt in der Folge. Drei Konfliktlinien prägen die Auseinandersetzung:

Widerstand der Landwirte. Zum Zeitpunkt des Bürgerentscheids 2019 fehlten der Stadt noch 8,5 Hektar des Baugeländes. Gegen vier Eigentümer mit zusammen rund einem Hektar leitete sie ab dem zweiten Quartal 2020 Enteignungsverfahren ein. Drei Landwirte erhoben Normenkontrollklage gegen die Entwicklungssatzung – und scheiterten im Juli 2021 vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim. 2021 erwarb die Stadt zudem rund 17 Hektar vom Land Baden-Württemberg für 2,8 Millionen Euro; das Land knüpfte den Verkauf an die Auflage, die Flächen für sozial gebundenen Mietwohnraum zu nutzen.

Bürgerinitiativen und Umweltprotest. Ein Bündnis aus Landwirtschafts- und Umweltverbänden – darunter das RegioBündnis Pro Landwirtschaft, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der BUND – kritisierte das Projekt über Jahre, unter anderem wegen des Verlusts landwirtschaftlicher Flächen. Ab 2021 besetzten Umweltaktivisten unter dem Motto „Dieti bleibt“ Bäume im Langmattenwäldchen, um die Rodung von rund fünf Hektar Wald zu verhindern. Ein Einspruch des NABU gegen die Rodung wurde im Oktober 2024 vom Verwaltungsgericht Freiburg abgelehnt; im Dezember 2024 wurde das Wäldchen geräumt und gerodet.

Zeitplan und Kosten. Der Zeithorizont bis 2042 liegt weit hinter den ursprünglichen Erwartungen: Zwischen den ersten Überlegungen 2012 und dem Baubeginn 2024 liegen zwölf Jahre, Baubeginn und Bezugsfertigkeit wurden mehrfach um insgesamt mehrere Jahre verschoben. Ein einheitlich belegtes Gesamtinvestitionsvolumen liegt aktuell nicht vor; die Erschließungskosten steigen jedoch spürbar, und einzelne Infrastrukturentscheidungen zeigen die Größenordnung: Laut Badischer Zeitung (Stand Februar 2026) fällt die Anschlussstelle Freiburg-Dietenbach in der Variante ohne Kreisel um rund 20 Millionen Euro günstiger aus – ein Beleg dafür, dass auch nach Vermarktungsstart noch wesentliche Kostenfragen offen sind.

Ausblick: Was als Nächstes kommt

Für die Immobilienwirtschaft bleibt Dietenbach aus zwei Gründen relevant: Erstens testet die Konzeptvergabe zum Festpreis ein Vergabemodell, bei dem Qualitätskriterien über den Zuschlag entscheiden – ein Ansatz, den andere Städte mit angespannten Wohnungsmärkten aufmerksam verfolgen dürften; in Berlin etwa entstehen mit dem Havelufer-Quartier in Spandau und dem Segelflieger-Quartier mit 1.800 Wohnungen ebenfalls große Neubauquartiere. Zweitens steht mit dem zweiten Vermarktungsabschnitt im Frühjahr 2027 der nächste konkrete Einstiegspunkt für Bauträger, Wohnungsgenossenschaften und Baugruppen bevor. Wer sich beteiligen will, findet die Vergabepakete, Fristen und das Frage-Antwort-Verfahren der Bewerbungsphase über die Vermarktungsplattform und die Projektseite der Stadt. Bis dahin entscheidet sich, welche Konzepte die erste Runde gewonnen haben – und wie ernst es dem Markt mit den geforderten Anteilen preiswerten Wohnraums ist.

Häufige Fragen zu Dietenbach

Wann ist Dietenbach fertig?

Laut Stadt Freiburg sollen die letzten Gebäude des neuen Stadtteils 2042 fertiggestellt sein. Die ersten Wohnungen sollen bereits deutlich früher, bis 2028, bezugsfertig sein.

Wie viele Wohnungen entstehen in Dietenbach?

Geplant sind rund 6.900 Wohnungen für etwa 16.000 Menschen. Die Hälfte des Mietwohnungsbaus ist als geförderter Wohnraum vorgesehen (Gemeinderatsbeschluss 2018).

Wer trägt das Projekt Dietenbach?

Projektträgerin ist die Stadt Freiburg. Sie entwickelt die Flächen im Rahmen einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme mit eigener Projektgruppe und vergibt die Grundstücke über eine Konzeptvergabe zum Festpreis an Bewerber mit den überzeugendsten Konzepten.

Weitere Beiträge aus Bauprojekte