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Oberbillwerder: Hamburgs 105. Stadtteil für 15.000 Menschen – und der Streit um 118 Hektar Marschland

Oberbillwerder: 118 Hektar Marschland, bis zu 6.500 Wohnungen und der aktuelle Streit um Bebauungsplan, Pappelfällungen und Bürgerklagen – Stand Juli 2026.

Immobilien Heute Redaktion 21 Min. Lesezeit
Startseite der offiziellen Projektwebsite Oberbillwerder mit Masterplan-Bezug und Verweis auf den Grünen Loop

Oberbillwerder soll Hamburgs 105. Stadtteil werden – und ist zugleich eines der umstrittensten Bauprojekte der Hansestadt. Auf 118 Hektar Marschland im Bezirk Bergedorf plant die städtische IBA Hamburg bis zu 6.500 Wohnungen für rund 15.000 Menschen sowie 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze. Im März 2025 hat der Senat den Bebauungsplan beschlossen, im Herbst 2025 begannen die Erschließungsarbeiten. Doch der Widerstand ist nicht verstummt: Eine Bürgerinitiative klagt, das Hamburgische Oberverwaltungsgericht untersagte am 27. Februar 2024 nach einem Eilantrag vorerst die Fällung einer Pappelreihe, und der Bebauungsplan musste laut NDR mehrfach neu ausgelegt werden, weil Unterlagen fehlten. Dieser Überblick bündelt Lage, Kennzahlen, Akteure, Zeitplan und Konfliktstand – und ordnet ein, was das Verfahren für die Immobilienwirtschaft bedeutet.

Die wichtigsten Antworten vorab:

  • Was: eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Hamburgs und künftiger 105. Stadtteil, entwickelt von der IBA Hamburg GmbH.
  • Wo: 118 Hektar im Bezirk Bergedorf zwischen Neuallermöhe und dem Dorf Billwerder, direkt an der S-Bahn-Station Allermöhe.
  • Wie viel: bis zu 6.500 Wohnungen, bis zu 15.000 Einwohner, 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze, rund 28 Hektar Grünflächen.
  • Wann: Bebauungsplan beschlossen am 7. März 2025; erste Bewohner Anfang der 2030er Jahre, Fertigstellung in den 2040er Jahren (Planungsstand).
  • Streitstand Juli 2026: Klagen der Dorfgemeinschaft Billwärder, gerichtlich angeordneter Stopp von Pappelfällungen, parallel laufende Erschließung.

Oberbillwerder im Steckbrief

Die wichtigsten Projektdaten im Überblick. Jede Angabe ist mit Quelle und Stand versehen; der Redaktionsstand ist Juli 2026.

ProjektnameOberbillwerder (künftiger 105. Stadtteil Hamburgs)
LageBezirk Bergedorf, zwischen Neuallermöhe und Billwerder, an der S-Bahn-Station Allermöhe
Gesamtflächerund 118 Hektar (IBA Hamburg); das Planungsgebiet wird teils mit 124 Hektar beziffert
Wohneinheitenbis zu 6.500 (hamburg.de, 2025); die IBA Hamburg nennt eine Bandbreite von 6.000 bis 7.000
Einwohnerbis zu 15.000 (IBA Hamburg)
Arbeitsplätze4.000 bis 5.000 (IBA Hamburg)
Grün- und Freiflächenrund 28 Hektar (IBA Hamburg)
Kitasmindestens 14 (Planungsstand)
Schulenzwei Grundschulen sowie Stadtteilschule und Gymnasium auf einem gemeinsamen Campus (Schulentwicklungsplan Hamburg 2019)
HochschuleCampus der Fakultät Life Sciences der HAW Hamburg geplant (Letter of Intent, IBA Hamburg 2019)
Mobilitätelf Mobility Hubs statt Straßenparken (Masterplan)
NachhaltigkeitDGNB-Vorzertifikat Platin für den Masterplan (April 2019)
PlanungsteamADEPT (Kopenhagen) mit Karres en Brands (Hilversum) und Transsolar (Stuttgart), Siegerentwurf „The Connected City“ (Mai 2018)
Masterplan-Beschluss26. Februar 2019 (Hamburger Senat)
BebauungsplanBillwerder 30/Bergedorf 120/Neuallermöhe 2/Lohbrügge 95, Senatsbeschluss vom 7. März 2025 (hamburg.de)
Zeitplanerste Bewohner Anfang der 2030er Jahre, Fertigstellung in den 2040er Jahren (Planungsstand)

Die Zahlen zeigen die Größenordnung des Vorhabens. Bei den Wohneinheiten unterscheiden sich die Angaben je nach Quelle und Planungsstand; vermerkt ist jeweils die aktuellere beziehungsweise offiziell kommunizierte Zahl. Die folgenden Abschnitte ordnen Lage, Verfahren und Konflikt im Detail ein.

Infografik: Oberbillwerder im Steckbrief Projektname: Lage | Oberbillwerder (künftiger 105. Stadtteil Hamburgs): Bezirk Bergedorf, z...

Lage und Vorgeschichte eines Marschland-Stadtteils

Das Planungsgebiet umfasst den östlichen Teil des heutigen Stadtteils Billwerder und gehört zu den Bergedorfer Marschlanden, dem westlichen Rand der Vier- und Marschlande. Südlich liegen die in den 1980er- und 1990er-Jahren errichteten Siedlungen Neuallermöhe-West und Neuallermöhe-Ost, im Osten grenzt die Großwohnsiedlung Bergedorf-West an. Nördlich des Gebiets liegen das Straßendorf Billwerder am Billwerder Billdeich, die Bille und das Naturschutzgebiet Boberger Niederung. Die Flächen werden bislang überwiegend landwirtschaftlich genutzt.

Die Fläche befindet sich seit mehr als einem Jahrhundert im Eigentum der Stadt Hamburg, die sie an Landwirte verpachtet. In den 1990er-Jahren war eine Bebauung bereits einmal im Gespräch, damals unter dem Arbeitstitel „Neuallermöhe III“. Ein Antrag der CDU-Opposition in der Bezirksversammlung Bergedorf, das Gebiet 2011 als reine Landwirtschaftsfläche auszuweisen, scheiterte; die Fläche blieb für Wohnbau, Gewerbe und Mischflächen vorgemerkt. 2016 beauftragte der Senat schließlich die IBA Hamburg mit der Erstellung eines Masterplans.

Zur Einordnung der Flächenangaben: Die IBA Hamburg beziffert die Gesamtfläche des Quartiers mit rund 118 Hektar; das übergeordnete Stadtentwicklungsgebiet wird in anderen Quellen, darunter Wikipedia, mit 124 Hektar angegeben. Für die Erreichbarkeit nennt die offizielle Projektwebsite rund 16 Minuten S-Bahn-Fahrzeit zum Hamburger Hauptbahnhof und zwei Stationen bis ins Bergedorfer Zentrum.

Akteure und Masterplan-Verfahren

Entwickelt wird Oberbillwerder von der IBA Hamburg GmbH, einer städtischen Projektentwicklungsgesellschaft, die der Senat 2016 mit dem Masterplan beauftragte. Die Planung entstand in Abstimmung mit der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen und dem Bezirksamt Bergedorf. Für die spätere Realisierung und Grundstücksvergabe hat der Senat Anfang 2018 zusätzlich die IBA Projektentwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG (IPEG) gegründet – eine eigenständige städtische Entwicklungsgesellschaft, die den Übergang von der Planung in die Umsetzung steuern soll. Für Fachleser ist diese Trennung relevant: Die IBA Hamburg plant und kommuniziert, die IPEG bereitet die Realisierung vor.

Das Planungsverfahren war von Beginn an auf Beteiligung ausgelegt. Ab Herbst 2016 fanden nach Angaben der IBA mehr als zehn öffentliche Veranstaltungen mit rund 3.000 Teilnehmern statt, ergänzt um eine Online-Beteiligung, eine zweitägige Ideenwerkstatt und aufsuchende Befragungen. Im Herbst 2017 startete der Wettbewerbliche Dialog nach der Vergabeverordnung in zwei Phasen: Von 34 Bewerbungen im EU-weiten Teilnahmewettbewerb erfüllten zwölf Teams die Kriterien und stellten ihre Entwürfe in öffentlichen Planungswerkstätten zur Diskussion.

Am 24. Mai 2018 sprach sich ein Beratungsgremium aus Politik, Bürgervertretern und Fachleuten für den Entwurf „The Connected City“ des Planungsteams ADEPT (Kopenhagen) mit Karres en Brands (Hilversum) und Transsolar Energietechnik (Stuttgart) aus. Daraus entstand der Masterplan, den der Senat am 26. Februar 2019 beschloss; die Bezirksversammlung Bergedorf leitete am 25. April 2019 das Bebauungsplanverfahren ein. Beim World Architecture Festival wurde der Masterplan im Dezember 2019 als „Future Project of the Year“ ausgezeichnet. Alle Verfahrensphasen sind auf der Projektseite der IBA Hamburg dokumentiert.

Kennzahlen, Quartiere und Nutzungsmix

Auf den 118 Hektar entstehen nach aktuellem Planungsstand bis zu 6.500 Wohnungen – die Senatskommunikation zum Bebauungsplan und der NDR nennen diese Zahl; die IBA Hamburg selbst gibt eine Bandbreite von 6.000 bis 7.000 Wohneinheiten an. Hinzu kommen Büro- und Gewerbeflächen für 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze sowie rund 28 Hektar öffentliche Grün- und Freiflächen. Hamburg wendet im Neubau den sogenannten Drittelmix an: je ein Drittel geförderte Mietwohnungen, frei finanzierte Mietwohnungen und Eigentum. Der Anteil für Baugemeinschaften soll laut Masterplan bis zu 20 Prozent betragen; als weitere Bausteine für bezahlbaren Wohnraum nennt die Planung serielles Bauen und die Grundstücksvergabe im Erbbaurecht. Damit gehört Oberbillwerder zu den größten Neubauquartieren Deutschlands – deutlich kleiner fällt etwa das Segelflieger-Quartier in Berlin aus, wo der Auftakt für ein neues Stadtviertel mit 1.800 Wohnungen steht.

Die städtebauliche Grundstruktur leitet sich aus der Kulturlandschaft ab: Fünf Quartiere mit eigenständigem Charakter – in der Masterplan-Skizze als Blaues Quartier, Bahn-Quartier, Grünes Quartier, Park-Quartier und Land-Quartier bezeichnet – gruppieren sich um den Grünen Loop, einen durchgehenden Freiraumgürtel. Der Loop bündelt öffentliche Freiflächen, Sport- und Spielangebote sowie Rad- und Fußwege und dient zugleich der Regenrückhaltung. Diese Mehrfachnutzung soll den Flächenverbrauch begrenzen. Die Quartiere sind jeweils um kleinräumliche Plätze organisiert; die Erdgeschosszonen sollen sich mit Kleingewerbe und Gastronomie zu Straßen und Plätzen öffnen. Als Typologien nennt die IBA das Stadthaus am Wasser, das Apartment im urbanen Zentrum und das Einfamilienhaus im Grünen.

Oberbillwerder wird als Modellstadtteil „Active City“ entwickelt: Sport und Bewegung sollen integraler Bestandteil des Alltags werden, mit einem großen Aktivitätspark, einem Schwimmbad und weitgehend barrierefreien Angeboten. Die soziale Infrastruktur umfasst nach Planungsstand mindestens 14 Kitas, zwei Grundschulen sowie eine Stadtteilschule und ein Gymnasium auf einem gemeinsamen Campus; der Hamburger Schulentwicklungsplan 2019 rechnet mit etwa 200 Schülern pro Jahrgang im Gebiet. Ein Bildungs- und Begegnungszentrum ergänzt das Angebot.

Für einen zusätzlichen Nutzungsanker sorgt die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: Die Fakultät Life Sciences soll vom bisherigen Bergedorfer Standort am Ulmenliet nach Oberbillwerder ziehen. Wissenschaftsbehörde, Finanzbehörde und GMH Gebäudemanagement Hamburg haben dafür einen Letter of Intent unterzeichnet, zuletzt bestätigt im Jahr 2023. Für die Immobilienwirtschaft ist der Campus als Nachfrageanker für die Gewerbe- und Laborflächen des Stadtteils relevant.

Verkehr und Mobilität: autoarm mit elf Mobility Hubs

Die S-Bahn-Station Allermöhe liegt direkt am südlichen Quartierseingang; von dort sind es rund 16 Minuten zum Hamburger Hauptbahnhof. Der Masterplan sieht vor, zusätzliche S-Bahn-Kapazitäten für die wachsende Fahrgastzahl zu schaffen. Wie sensibel das Konzept von der Zuverlässigkeit der Bahn abhängt, zeigt sich in der Projektkommunikation der IBA selbst: Dort nennen künftige Bewohner die Ausfallanfälligkeit der Linie als zentralen Knackpunkt.

Innerhalb des Stadtteils gilt das Prinzip „autoarm“: nicht autofrei, aber weitgehend frei von parkenden Autos im öffentlichen Raum. Statt Straßenparken sind elf Mobility Hubs entlang einer Ringstraße geplant, die den Stadtteil erschließt. Dort konzentrieren sich die Stellplätze für Bewohner und Gäste; der Umstieg auf Fahrrad, E-Bike, Lastenrad oder ÖPNV ist direkt möglich, perspektivisch auch auf kleine autonome Shuttlebusse. Die Erdgeschosse der Hubs nehmen Einzelhandel sowie soziale und kulturelle Angebote auf und bilden zusammen mit den Quartiersplätzen kleine Nachbarschaftszentren; die begrüneten Flachdächer tragen zur Regenrückhaltung und zum Stadtklima bei.

Für den Kfz-Verkehr sind drei Anbindungen an das übergeordnete Straßennetz vorgesehen: im Westen über den Mittleren Landweg zur Anschlussstelle Hamburg-Allermöhe der A25, im Südosten ebenfalls zur A25 und Richtung Bergedorfer Zentrum sowie im Nordosten zur Bundesstraße 5. Ergänzend soll Oberbillwerder an das Netz der Hamburger Velorouten angeschlossen werden, mit Radschnellverbindungen in die Innenstadt und nach Bergedorf.

Nachhaltigkeit: DGNB-Platin und Schwammstadt-Prinzip

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat den Masterplan Oberbillwerder im April 2019 mit der höchsten Stufe, dem Vorzertifikat in Platin, ausgezeichnet. Die Zertifizierung bezieht sich auf das Quartierskonzept insgesamt – von der Energieversorgung über die Freiraumplanung bis zur Mobilität. Sie gilt als eines der stärksten Argumente der Projektbefürworter, bindet die Nachhaltigkeitsziele aber auch dauerhaft in die Umsetzung ein.

Bei der Wärmeversorgung strebt das Konzept des Masterplans einen Anteil von rund 90 Prozent erneuerbarer Energien an; an der Energieplanung war das Stuttgarter Ingenieurbüro Transsolar beteiligt. Die Angabe ist eine Zielvorgabe der Planung, deren technische Umsetzung erst in der weiteren Konkretisierung festgelegt wird. Energieeffiziente Bauweise und das Mobilitätskonzept mit geringem motorisiertem Individualverkehr sollen zudem zur Erreichung der Ziele des Hamburger Klimaplans beitragen.

Das Entwässerungskonzept folgt dem Schwammstadt-Prinzip: Regenwasser wird kontrolliert gesammelt, gespeichert und abgeleitet, damit der Stadtteil auch Starkregenereignisse verkraftet. Der Grüne Loop dient als zentrale Rückhaltefläche; Sport- und Naturflächen können bei extremem Regen gezielt geflutet werden, und ein naturnaher Rückhalteraum ist im Nordwesten des Gebiets vorgesehen. Nach Angaben des Masterplans soll die geplante Höhenentwicklung des Geländes die Entwässerungssituation gegenüber dem Status quo auch für die angrenzenden Ackerflächen verbessern.

Aktueller Stand: Baubeginn trotz Widerstand (Juli 2026)

Politisch zugespitzt hatte sich die Lage nach den Bezirksversammlungswahlen 2024: In Bergedorf gab es keine Mehrheit mehr für den Bebauungsplan. Daraufhin zog der Senat das Verfahren im Oktober 2024 an sich – er evozierte das Bebauungsplanverfahren, weil die Planrechtschaffung von gesamtstädtischem Interesse sei. Am 7. März 2025, kurz nach der Bürgerschaftswahl, beschloss der Senat den Bebauungsplan Billwerder 30/Bergedorf 120/Neuallermöhe 2/Lohbrügge 95.

Bis zu diesem Beschluss war das Verfahren selbst wiederholt ins Stocken geraten: Der Bebauungsplan musste nach einem Bericht des NDR insgesamt viermal öffentlich ausgelegt werden, weil wiederholt Unterlagen fehlten; die jüngste Panne war dem Bericht zufolge der Dorfgemeinschaft Billwärder aufgefallen. Ob die Fehler beim Bezirksamt Bergedorf oder bei der IBA lagen, wollte die Behörde demnach nicht mitteilen. Jede erneute Auslegung verzögerte das Verfahren zusätzlich.

Seit Herbst 2025 laufen die ersten Erschließungsarbeiten, darunter der Bau von Baustraßen. Der rechtliche Widerstand gegen die Rodungen für das Projekt reicht jedoch weiter zurück: Gegen die Fällung einer Pappelreihe für den neuen Stadtteil stellte eine Umweltvereinigung einen Eilantrag, mit Erfolg: Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht untersagte die Fällung vorerst (Beschluss vom 27. Februar 2024, Az. 2 Bs 19/24). Parallel führt die IBA die Beteiligung fort, zuletzt mit einem öffentlichen Projektdialog im November 2025. Die wichtigsten Stationen des Verfahrens im Überblick:

ZeitpunktEreignis
2016Senat beauftragt die IBA Hamburg mit dem Masterplan
Herbst 2017 – Mai 2018Wettbewerblicher Dialog; Siegerentwurf „The Connected City“ (ADEPT/Karres en Brands/Transsolar)
26. Februar 2019Senat beschließt den Masterplan
25. April 2019Bezirksversammlung Bergedorf leitet das Bebauungsplanverfahren ein
2020Bürgerbegehren „Vier- und Marschlande erhalten“ kommt zustande – ohne bindende Wirkung
27. Februar 2024OVG Hamburg untersagt die Fällung einer Pappelreihe per Eilantrag (Beschluss 2 Bs 19/24)
Oktober 2024Senat evoziert das B-Plan-Verfahren nach Mehrheitsverlust in Bergedorf
7. März 2025Senat beschließt den Bebauungsplan
Herbst 2025Beginn der Erschließungsarbeiten

Der Zeitplan für die ersten Bewohner Anfang der 2030er Jahre hängt damit nicht allein am Baufortschritt, sondern auch am Ausgang der laufenden Rechtsstreitigkeiten.

Kritik und rechtliche Auseinandersetzungen um Oberbillwerder

Der organisierte Widerstand wird von der Dorfgemeinschaft Billwärder an der Bille getragen, einem Verein, der seit 1988 besteht und seit 2019 über die Arbeitsgruppe „Nein zu Oberbillwerder“ gegen das Projekt mobilisiert. Im Mai 2019 organisierte die Gruppe eine Trecker-Demonstration zum Hamburger Rathaus. Im Januar 2020 reichten Mitglieder 2.020 Unterschriften für ein Bürgerbegehren mit dem Titel „Vier- und Marschlande erhalten“ ein, das im Mai 2020 zustande kam. Die Bezirksversammlung Bergedorf übernahm das Begehren im Juni 2020 mit den Stimmen der Opposition; praktische Wirkung entfaltete es nicht, weil die Entscheidung über das Projekt beim Senat liegt.

Politisch ist das Projekt seither gespalten: Auf Landesebene lehnen CDU und FDP die Pläne ab, SPD und Grüne unterstützen sie. Die Kritiker führen mehrere Argumente ins Feld: den Verlust landwirtschaftlich genutzter Flächen in den Vier- und Marschlanden, die Verdrängung von Landwirten und Reitvereinen sowie Risiken für das Entwässerungssystem. Aus Sicht der Gegner ist das Areal zudem ein wertvoller Lebensraum – unter anderem für den Weißstorch und mehrere Fledermausarten. Das Fachgutachten zum Naturschutz bezeichnen sie als lückenhaft.

Auch die Bautechnik selbst ist Teil der Auseinandersetzung. Weil das Marschland tief liegt, muss das Gelände aufgehöht werden; nach Projektangaben sind dafür rund 1,2 Millionen Tonnen Sand vorgesehen. Diese Größenordnung stammt aus der Projektplanung und ist bislang nicht unabhängig verifiziert. Kritiker verweisen auf die damit verbundenen Transportbewegungen und den Eingriff in den Boden; die Projektseite hält dagegen, dass die Höhenentwicklung für Entwässerung und Hochwasserschutz erforderlich sei.

Juristisch wird der Konflikt auf mehreren Ebenen ausgetragen. Die Dorfgemeinschaft und Umweltvereinigungen klagen gegen das Vorhaben; der Streit um die Pappelreihe beschäftigt die Hamburger Verwaltungsgerichte bereits seit 2024. Mit dem erfolgreichen Eilantrag, über den das Hamburgische Oberverwaltungsgericht am 27. Februar 2024 entschied, ist den Gegnern zumindest ein Teilerfolg gelungen. Auf der anderen Seite verweisen Senat und IBA auf den beschlossenen Bebauungsplan, die DGNB-Platin-Zertifizierung und den mehrjährigen Beteiligungsprozess mit rund 3.000 Teilnehmern. Eine vollständige juristische Klärung steht aus; Redaktionsstand Juli 2026.

FAQ zu Oberbillwerder

Wann ist Oberbillwerder fertig?

Nach aktuellem Planungsstand sollen die ersten Bewohner Anfang der 2030er Jahre einziehen; die vollständige Fertigstellung ist für die 2040er Jahre vorgesehen. Der Planungs- und Realisierungsprozess war von Anfang an auf deutlich mehr als ein Jahrzehnt angelegt. Angesichts der laufenden Rechtsstreitigkeiten sind Verschiebungen möglich.

Wie viele Wohnungen entstehen in Oberbillwerder?

Der beschlossene Bebauungsplan und die Senatskommunikation nennen bis zu 6.500 Wohnungen; die IBA Hamburg gibt eine Bandbreite von 6.000 bis 7.000 Wohneinheiten an. Geplant sind Mietwohnungen, Eigentum und ein Anteil von bis zu 20 Prozent für Baugemeinschaften, verteilt auf fünf Quartiere.

Wer entwickelt Oberbillwerder?

Die Entwicklung liegt bei der städtischen IBA Hamburg GmbH in Abstimmung mit dem Bezirksamt Bergedorf und der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen. Für die Realisierung wurde 2018 die IBA Projektentwicklungsgesellschaft (IPEG) gegründet. Der Masterplan stammt vom Planungsteam ADEPT mit Karres en Brands und Transsolar.

Was ist der Grüne Loop in Oberbillwerder?

Der Grüne Loop ist der zentrale Freiraumgürtel des Masterplans und verbindet die fünf Quartiere miteinander. Er bündelt öffentliche Grünflächen, Sport- und Spielangebote sowie Rad- und Fußwege und übernimmt zugleich eine wichtige Funktion bei der Regenrückhaltung. Im Masterplan gilt er als Herzstück und Markenzeichen des neuen Stadtteils.

Wie ist der aktuelle Stand der Klagen gegen Oberbillwerder?

Stand Juli 2026: Die Dorfgemeinschaft Billwärder an der Bille und Umweltvereinigungen klagen gegen das Projekt. Am 27. Februar 2024 erzielte eine Umweltvereinigung vor dem Hamburgischen Oberverwaltungsgericht einen Teilerfolg: Die Fällung einer Pappelreihe wurde per Eilantrag vorerst untersagt. Über weitere Klagen ist noch nicht abschließend entschieden.

Einordnung und Ausblick

Für die Immobilienwirtschaft ist Oberbillwerder aus zwei Gründen relevant. Erstens entsteht hier eines der größten zusätzlichen Wohnungsangebote Hamburgs: bis zu 6.500 Einheiten im Drittelmix, dazu Grundstücke für Baugemeinschaften, Gewerbeflächen für bis zu 5.000 Arbeitsplätze und ein Hochschulcampus als Nachfrageanker. Andere Hamburger Quartiersprojekte wie das Quartier 21 in Hamburg-Barmbek bewegen sich im Vergleich dazu in deutlich kleineren Dimensionen. Die Grundstücksvergabe läuft über die IBA Hamburg beziehungsweise die IPEG; weitere Ausschreibungen dürften mit dem Fortschritt der Erschließung folgen. Zweitens ist das Verfahren ein Beleg für das Planungsrisiko bei Großprojekten: viermal neu ausgelegter Bebauungsplan, Evokation durch den Senat, Eilverfahren bis vor das Oberverwaltungsgericht. Dass es auch anders geht, zeigen Entwickler wie Periskop Development, die Wohnbau durch innovative Baurechtschaffung beschleunigen. Wer sich in Oberbillwerder engagieren will, plant besser mit Puffern. Der beschlossene Bebauungsplan gibt dem Projekt auf formaler Ebene Rechtssicherheit; sein tatsächliches Tempo bestimmen in den kommenden Jahren jedoch zunehmend Gerichte, nicht mehr nur die Planer.

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